Meine Geschichte
Vom Zusammenbruch zur Verantwortung
Ich teile meine Geschichte nicht, um Mitleid zu erzeugen, sondern um Orientierung zu geben. Viele Menschen erleben ähnliche Brüche, fühlen sich jedoch allein damit. Meine Erfahrung zeigt: Auch nach tiefen Kriesen ist Entwicklung möglich.
Meine Geschichte ist Grundlage meiner heutigen Arbeit als Peer-Worker.
Als ich vor mehr als 19 Jahren, genau am 02.01.2005, einen schweren Autounfall hatte, änderte sich mein Leben um 180 Grad. Der Aufprall war so heftig, dass ich mir mehrere Rippen mehrfach brach, ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und am schlimmsten den dritten Lendenwirbel zertrümmerte. Glücklicherweise überlebten alle Insassen, wir waren zu dritt. Wenn ich erzähle, dass der Fahrer am Steuer eingeschlafen war, denken auch andere, dass wir mehrere Schutzengel dabeihatten.
Ereignis
Was passiert ist
Ab diesem Zeitpunkt begann meine Genesungsodyssee. Ich musste mehrere Operationen innerhalb kurzer Zeit überstehen. Da der Unfall in Italien passierte, wurde ich dort notoperiert und stabilisiert, bevor ich in die Schweiz zurücktransportiert wurde. Im Universitätsspital Zürich (USZ) wurde ich erneut am Rücken operiert. Dank der Qualität der Chirurgen konnte ich schnell wieder laufen lernen und die ersten Schritte selbstständig machen.
Im Spital wurde bei mir eine schwere posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. In den ersten Wochen nach dem Unfall und der Reha besuchte ich einen Psychiater. Zu diesem Zeitpunkt verstand ich nicht, dass ich psychisch krank sein könnte, und war der Meinung, dass meine Probleme nur von den starken Rückenschmerzen herrührten.
Daraufhin brach ich die Behandlung eigenmächtig ab, was sich im Nachhinein als grosser Fehler herausstellte. Ich wurde medikamentensüchtig, insbesondere von Opiaten. Es ging so weit, dass ich fast daran starb, weil ich zu viele auf einmal genommen hatte. In dieser Zeit war mir alles egal. Auch die Schwierigkeiten mit den Versicherungen begannen. Ich wurde von einem Gutachter zum nächsten geschickt und immer wieder als Simulant bezeichnet, der sich selbst limitieren würde.
Es kam die Zeit, in der ich mir einen Anwalt nehmen musste, um für meine Rechte zu kämpfen. Das kostete mich ein Vermögen. Mein Anwalt konnte schließlich eine halbe IV-Rente aushandeln, die ich bis heute erhalte. Unfall im Jahr 2005, Verfügung im Jahr 2010. Es ist auch erwähnenswert, dass ich grundsätzlich immer eine Arbeit hatte, jeweils 50 %.
Odyssee
Psychische Probleme
In dieser Zeit verdrängte ich alles, was möglich war. Ich dachte immer, ich sei psychisch stabil, obwohl ich weiterhin viele Opiate nahm. Ab 2011 hatte ich das Glück, meine heutige Ehefrau kennenzulernen, die mir zwei wunderbare Kinder
schenkte. Ich war glücklicher als je zuvor und dachte, ich hätte die Stabilität im Leben wiedergefunden. Für einige Zeit ging es mir auch viel besser, aber die Schmerzen blieben konstant hoch.
Im Jahr 2017 wurde mein Leidensdruck immer grösser, die Schmerzen unerträglich. Ich hatte so viele Probleme, dass ich eine weitere Operation brauchte. Mein Rückenmarkskanal war verengt und musste operativ erweitert werden. Leider gab es bei der Operation einige Schwierigkeiten, weshalb ich innerhalb von drei Wochen drei Operationen überstehen musste. Bei der ersten OP wurde ein Nerv beschädigt, was zu einem Verlust von Liquor führte. Da verließ mich mein Glück wieder.
Ich brauchte sehr lange, um mich zu erholen, und eine Reha war seitens der Versicherung nicht vorgesehen. Trotzdem versuchte ich, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten, was mir nur kurzzeitig gelang. Ein weiteres Problem trat auf: Mein Körper hielt die Schraubenkonstruktion nicht, und ich musste nochmals drei weitere Operationen über mich ergehen lassen.
Ab da verlor ich jeglichen Halt, verlor meine Motivation und mein positives Denken und fiel in eine tiefe Depression. Erst ab diesem Zeitpunkt erlaubte ich mir, diese Herausforderung anzunehmen und mir einzugestehen, dass ich eine schwere Depression hatte.
Nach langem Hin und Her liess ich mich auf eine stationäre Behandlung ein und wurde in der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen behandelt. Dort begann ich, meine Depression als Krankheit anzuerkennen und darüber zu sprechen. Zum ersten Mal fand ich den Mut, mir einzugestehen, krank zu sein, darüber zu reden und mich therapieren zu lassen. Das war die richtige Entscheidung.
Heute bin ich wieder zu Hause, stabil, habe seit längerer Zeit keine Opiate mehr genommen und besuche regelmässig meine Sitzungen beim Psychologen. Auch meine Hündin Miwa hilft mir enorm bei meiner Krankheit. Sie ist ein kleiner Pudel, und vielleicht werden wir zusammen die Ausbildung zur Begleithündin absolvieren.
Wendepunkt
Der Moment, in dem ich Verantwortung übernahm
Der entscheidende Wendepunkt in meiner Geschichte war kein einzelnes Ereignis, sondern eine innere Entscheidung. Ich erkannte, dass ich so nicht weiterleben konnte und vor allem nicht weiterleben wollte. Zum ersten Mal begann ich zu akzeptieren, dass meine psychischen Verletzungen genauso real und ernst zu nehmen waren wie die körperlichen.
Ich nahm erneut professionelle Hilfe in Anspruch und stellte mich konsequent meiner Vergangenheit, meinen Ängsten und meinen inneren Konflikten. Dieser Prozess war anspruchsvoll und oft schmerzhaft, doch er eröffnete mir einen neuen Zugang zu mir selbst. Ich lernte, meine Grenzen wahrzunehmen, sie zu respektieren und Verantwortung für mein eigenes Wohl zu übernehmen.
Mit der Zeit veränderte sich mein Blick auf meine Geschichte. Was lange nur von Verlust, Ohnmacht und Kampf geprägt war, entwickelte sich zu einer Quelle von Klarheit, Reife und innerer Stabilität. Ich erkannte, dass Heilung nicht bedeutet, wieder der Mensch zu werden, der ich vor dem Unfall war sondern ein Mensch zu werden, der sich selbst versteht und annimmt.
Heute lebe ich bewusst mit meinen Einschränkungen, ohne mich von ihnen definieren zu lassen. Meine Erfahrungen ermöglichen mir, Menschen in belastenden Lebenssituationen auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht mit vorgefertigten Lösungen, sondern mit echtem Verständnis, Geduld und Respekt.
Als Peer-Worker begleite ich Menschen, die sich in Krisen, Umbrüchen oder scheinbar ausweglosen Situationen befinden. Meine Haltung ist klar: Veränderung ist möglich. Nicht von heute auf morgen aber Schritt für Schritt. Hoffnung entsteht dort, wo jemand zuhört, versteht und den Weg nicht vorgibt, sondern gemeinsam geht.
